Abgeordnetenhauswahl „Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit“

Die Berliner Industrie wandelt sich rasant. Für viele Beschäftigte sind sichere Jobs eines der wichtigsten Themen vor der Wahl. BRV Markus Kapitzke und BR Lea Raddatz aus dem BMW Motorradwerk erklären, wie Qualifizierung Beschäftigung sichert und was sie von Politik und Unternehmen erwarten.

17. September 2026 17. September 2026


MarkusKapitzke_LeaRaddatz_BMW_Motorradwerk

Warum ist Qualifizierung gerade jetzt so wichtig?

Markus: Die Anforderungen in unserem Werk verändern sich massiv. Gleichzeitig haben wir Beschäftigte mit jahrzehntelanger Erfahrung und großem Know-how. Dieses Potenzial müssen wir nutzen und weiterentwickeln, statt Fachkräfte ausschließlich auf dem externen Arbeitsmarkt zu suchen.

Automatisierung bedeutet dabei nicht automatisch, dass Arbeitsplätze verschwinden. Wenn ein Roboter schwere Teile hebt, können Beschäftigte sich beispielsweise zu Instandhaltern weiterentwickeln und künftig diese Anlagen betreuen, bedienen oder programmieren. Darum geht es: Veränderung aktiv gestalten und Beschäftigung sichern.

Lea: Wir haben das selbst erlebt. In einem Pilotprojekt konnten sich neun Beschäftigte ohne vorherige Elektroausbildung innerhalb von sieben Monaten zu Industrieelektrikern weiterqualifizieren – während der Arbeitszeit und direkt im Betrieb. Das zeigt: Unternehmen haben bereits viele Menschen, die sie gezielt entwickeln können.

 

Was braucht es, damit Qualifizierung funktioniert?

Markus: Vor allem Zeit und Unterstützung. Weiterbildung darf nicht davon abhängen, ob Beschäftigte ihre Freizeit opfern oder sich die Qualifizierung selbst leisten können. Unternehmen müssen Freistellung ermöglichen und sich finanziell beteiligen. Gleichzeitig braucht es einfache staatliche Fördermöglichkeiten.

Lea: Auch Bildungszeit ist wichtig. Zeit ist bei Qualifizierung genauso eine Ressource wie Geld. Und Beschäftigte müssen frühzeitig wissen, welche Qualifikationen gebraucht werden und welche Entwicklungsmöglichkeiten sie haben.

 

Wer trägt dafür die Verantwortung? Arbeitnehmer, Betrieb oder Politik?

Lea: Alle drei Seiten. Beschäftigte müssen offen für Entwicklung sein. Unternehmen müssen aber auch aktiv auf ihre Beschäftigten zugehen und Perspektiven aufzeigen. Es darf nicht heißen: „Kümmere dich selbst um deine Weiterbildung.“

Markus: Gerade beim Fachkräftemangel wird zu wenig über die Menschen gesprochen, die schon da sind. Bei uns starten inzwischen 40 Auszubildende pro Jahr. Gleichzeitig entwickeln wir die Qualifikationen unserer Beschäftigten weiter. Ausbildung und Weiterbildung gehören zusammen: Wir müssen neue Fachkräfte gewinnen und gleichzeitig dafür sorgen, dass die heutigen Beschäftigten auch morgen gute Perspektiven haben.

 

Was bedeutet das für den Industriestandort Berlin?

Markus: Qualifizierung ist eine Investition in Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigung. Wenn sich Technologien immer schneller verändern, müssen auch die Menschen die Möglichkeit haben, Schritt zu halten.

Lea: Deshalb braucht es politische Unterstützung. Gerade wenn die wirtschaftliche Lage angespannt ist, wird Weiterbildung schnell zurückgestellt. Wenn wir Industrie in Berlin halten und weiterentwickeln wollen, müssen wir auch in die Beschäftigten investieren.

 

In unserem Forderungspapier zur Abgeordnetenhauswahl heißt es zum Thema Qualifizierung „Am Ball bleiben, aber alle“. Was bedeutet das?

Lea: Niemand darf bei der Transformation zurückgelassen werden. Beschäftigte müssen frühzeitig beteiligt werden. Wer täglich mit einer Maschine arbeitet, weiß schließlich am besten, was sich durch eine Veränderung in der Praxis ändert.

Markus: Und es muss echte Entwicklungsmöglichkeiten geben. Vom Produktionsmitarbeiter bis zur Fach- oder Führungsqualifikation. Natürlich will sich nicht jeder weiterbilden. Aber wer sich entwickeln möchte, muss die Chance dazu bekommen.

KI und Automatisierung verändern unsere Arbeitswelt bereits heute spürbar und werden auch in Zukunft entscheidende Faktoren für die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen sein. Um diesen Wandel erfolgreich zu gestalten, müssen Beschäftigte und Betriebsräte von Anfang an aktiv eingebunden werden. Denn es stimmt: Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit. Gerade deshalb sind wir als Betriebsräte gefordert, Veränderungen konstruktiv mitzugestalten, Chancen zu nutzen und gleichzeitig Beschäftigung sowie gute Arbeitsbedingungen nachhaltig zu sichern.

 

Was fordert ihr konkret vom künftigen Berliner Senat?

Lea: Weiterbildung muss einfacher und zugänglicher werden. Förderprogramme dürfen nicht an Bürokratie scheitern, und Beschäftigte brauchen ausreichend Zeit für Qualifizierung.

Markus: Wenn Berlin ein starker Industriestandort bleiben soll, muss die Politik in die Menschen investieren. Wir haben das Know-how und die Bereitschaft zur Veränderung. Jetzt brauchen wir die richtigen Rahmenbedingungen, damit niemand den Anschluss verliert.