Warum Betriebe statt Podiumsdiskussion?
Wir wollten den Blick auf Orte lenken, die viele Politikerinnen und Politiker im Alltag nicht sehen. Das ist uns wichtig, weil Industriepolitik oft abstrakt diskutiert wird. In den Betrieben wird aber sichtbar, worum es wirklich geht und wo die Probleme liegen. Wer über die Zukunft Berlins entscheiden will, sollte die Orte kennen, an denen diese Zukunft jeden Tag erarbeitet wird.
In den Wahlprogrammen steht oft die Start-up-Szene im Fokus. Wird die Industrie im Berliner Wahlkampf unterschätzt?
Da ist noch Luft nach oben. Berlin wird häufig als Start-up-Hauptstadt gesehen, dabei wird oft vergessen, dass die industrielle Basis für Wohlstand und Stabilität sorgt. Wertschöpfung findet in der Industrie statt. Hier haben wir gute, tarifgebundene Arbeitsplätze, gute Einkommen und damit auch wichtige Steuereinnahmen für unsere Stadt.
Berlin braucht deshalb einen stärkeren industriepolitischen Fokus. Die Industrie ist kein Nebenschauplatz der Berliner Wirtschaft, sondern ein zentraler Teil davon. Sie sorgt für Innovation, Ausbildung und gute Arbeit. Dieses Potenzial wird in der politischen Debatte oft unterschätzt.
Gleichzeitig sollte Berlin den Anspruch haben, nicht nur ein attraktiver Standort für Gründungen zu sein, sondern auch mehr Unternehmens- und Konzernzentralen anzuziehen. Kaum eine andere deutsche Stadt übt auf Fachkräfte aus dem In- und Ausland eine solche Anziehungskraft aus wie Berlin. Diese Attraktivität ist ein großer Standortvorteil. Die politischen Rahmenbedingungen könnten jedoch noch stärker darauf ausgerichtet werden, dass Unternehmen ihre Führungs- und Entscheidungszentren hier ansiedeln. Dabei geht es um gute Infrastruktur, schnelle Verwaltung, ausreichend Gewerbeflächen, bezahlbaren Wohnraum und eine hohe Lebensqualität.
Ein Blick auf andere europäische Metropolen zeigt, dass Hauptstadt und wirtschaftliches Zentrum häufig eng miteinander verbunden sind. London, Paris oder Kopenhagen sind nicht nur politische Zentren, sondern auch bedeutende Standorte für Unternehmenszentralen, Forschung und Industrie. Berlin hat das Potenzial, eine ähnliche Rolle einzunehmen.
Dafür muss aber auch das geschützt werden, was die Stadt besonders macht: ihre Offenheit, Vielfalt und internationale Ausstrahlung. Eine weltoffene Gesellschaft ist nicht nur ein gesellschaftlicher Wert, sondern auch ein wichtiger Standortfaktor. Wer Fachkräfte, Unternehmen und Investitionen nach Berlin holen will, muss dafür sorgen, dass diese Offenheit erhalten bleibt.
Alle Parteien unterstützen unser 9-Punkte-Papier zur Industriepolitik. Aber wo lagen die Unterschiede zwischen den Kandidierenden?
In den Grundfragen gab es erstaunlich viel Einigkeit. Alle haben anerkannt, dass Berlin eine starke Industrie braucht und dass gute Industriepolitik aktiver gestaltet werden muss.
Die Unterschiede lagen vor allem bei den Schwerpunkten: Elif Eralp stellte die soziale Dimension von Industriepolitik in den Vordergrund und verband einen starken Industriestandort mit bezahlbaren Mieten und Arbeitsplatzgarantien. Steffen Krach setzte seinen Fokus auf die Fachkräftesicherung durch mehr Ausbildung, bezahlbaren Wohnraum für Azubis und die schnellere Anerkennung von Abschlüssen. Stefan Evers betonte vor allem die Sicherung von Arbeitsplätzen, bessere Investitionsbedingungen und Wachstumsmöglichkeiten für die Berliner Industrie. Werner Graf hob schließlich die Energiewende als industriepolitische Chance hervor und setzte auf Innovationen sowie die Schaffung zusätzlicher gut bezahlter Industriearbeitsplätze.
Was haben die Kandidierenden aus den Betrieben mitgenommen?
Ich habe den Eindruck, dass die Kandidierenden viel mitgenommen haben. Sie haben viele Fragen gestellt, aufmerksam zugehört und sich Zeit für die Gespräche mit den Betriebsräten genommen.
Dabei wurde sehr deutlich, welche Herausforderungen die Beschäftigten aktuell beschäftigen: Fachkräftemangel und Ausbildung, bezahlbares Wohnen, KI und Transformation und die Frage, wie wir industrielle Arbeitsplätze langfristig sichern können. Ob daraus am Ende die richtigen politischen Entscheidungen folgen, wird sich erst nach der Wahl zeigen. Aber die Probleme und Erwartungen der Beschäftigten wurden sehr klar formuliert.
Ein Thema zog sich durch fast alle Gespräche: Wohnen. Warum sind bezahlbarer Wohnraum und eine starke Industrie untrennbar miteinander verbunden?
Weil wir ohne eine funktionierende Wohnungspolitik den Fachkräftebedarf nicht decken können. Wer nach Berlin kommen soll, muss hier auch bezahlbar wohnen können. Das gilt für Fachkräfte genauso wie für Auszubildende. Wenn junge Menschen keinen Wohnraum finden oder zu hohe Mieten zahlen müssen, wird es immer schwieriger, Ausbildungsplätze zu besetzen und Beschäftigte für Berlin zu gewinnen. Deshalb gehören Industriepolitik und Wohnungspolitik unmittelbar zusammen. Wer die Industrie stärken will, muss dafür sorgen, dass Menschen in dieser Stadt auch leben können. Und zu einem guten Leben in Berlin gehört im Übrigen auch mehr als bezahlbaren Wohnraum. Gute Arbeit, soziale Sicherheit und ein starker Sozialstaat gehören genauso dazu. Deshalb werden wir diese Forderungen auch am 26. September bei dem großen DGB-Aktionstag für den Sozialstaat auf die Straße tragen.
Was wurde in den Gesprächen besonders deutlich: Was braucht die Berliner Industrie von der Politik?
Vor allem Verlässlichkeit. Die Unternehmen und Beschäftigten stehen mitten in einer Phase großer Veränderungen. Dafür braucht es langfristige politische Entscheidungen und keine ständigen Richtungswechsel.
Die Berliner Industrie braucht schnellere Genehmigungsverfahren, ausreichend Flächen, moderne Infrastruktur, eine starke Fachkräftestrategie, eine bessere Unterstützung bei Ausbildung und Qualifizierung sowie eine Wirtschaftsförderung, die die bestehenden Betriebe stärkt. Vor allem aber braucht sie ein klares politisches Bekenntnis zum Industriestandort Berlin.
Wie geht es nach der Wahl weiter: Was erwarten wir vom neuen Senat?
Wir erwarten, dass die Türen offenbleiben und der Dialog nicht mit dem Wahltag endet. Wer die Unterstützung unserer Forderungen zugesagt hat, wird sich daran messen lassen müssen.
Für uns ist wichtig, dass es einen direkten und verlässlichen Draht zwischen Politik und Gewerkschaften gibt. Wenn in einem Betrieb Probleme entstehen oder wichtige industriepolitische Entscheidungen anstehen, dann erwarten wir schnelle Ansprechpartner und kurze Wege. Die Beschäftigten haben ein Recht darauf, dass ihre Anliegen gehört werden und in politische Entscheidungen einfließen. Ob der neue Senat diesem Anspruch gerecht wird, werden wir genau verfolgen.
Wie sorgen wir dafür, dass die Themen auch nach der Wahl auf der politischen Agenda bleiben?
Indem wir dranbleiben. Unsere Betriebsräte, Jugend- und Schwerbehindertenvertretungen, unsere Vertrauensleute und die IG Metall vertreten die Interessen der Beschäftigten nicht nur im Wahlkampf, sondern jeden Tag.
Wir werden den neuen Senat an seinen Zusagen erinnern, den Dialog fortsetzen und den politischen Druck aufrechterhalten. Mit unseren betrieblichen Interessenvertretern und Mitgliedern haben wir eine starke Stimme in den Betrieben und mit unserer Organisation eine starke Stimme in der Stadt. Industriepolitik ist keine Frage von Wahlkampfterminen, sondern eine Daueraufgabe. Genau daran werden wir die Politik auch in den kommenden Jahren erinnern. Deshalb werden wir die Person, die künftig ins Rote Rathaus einzieht, zu unserer Delegiertenversammlung einladen, um dort weiter über die Zukunft des Industriestandorts und die Anliegen der Beschäftigten zu diskutieren.