Daniel, heute kommt Elif Eralp zu euch in den Betrieb. Worüber wollt ihr mit ihr sprechen?
Für uns geht es vor allem um die Frage, was die Politik konkret tun kann, damit Industrie und industrielle Arbeitsplätze in Berlin bleiben. Wir erleben hier unmittelbar, wo die Herausforderungen liegen: beim bezahlbaren Wohnen, bei der Fachkräftegewinnung, bei den Bedingungen an den Industriestandorten und beim zunehmenden Druck, Produktion und Engineering ins Ausland zu verlagern.
Wir wollen deshalb nicht nur hören, dass Industrie wichtig ist. Wir wollen wissen: Was ist der konkrete Plan der Politik, um industrielle Wertschöpfung und gute Arbeitsplätze hier zu sichern?
Fangen wir mit dem Thema Wohnen an. Warum ist es für euch so wichtig?
Weil wir Fachkräfte brauchen, die hier auch leben können. Gerade bei Kolleginnen und Kollegen, die für einen Arbeitsplatz nach Berlin kommen, merken wir, wie schwierig die Wohnungssuche ist. Selbst mit einem guten Gehalt ist bezahlbarer Wohnraum teilweise kaum zu finden.
Noch stärker betrifft das unsere Auszubildenden. Mit einem Ausbildungsgehalt können sich viele keine eigene Wohnung leisten und bleiben deshalb länger bei ihren Eltern. Wir hatten schon Fälle, in denen daraus erhebliche private Probleme entstanden sind.
Deshalb gehört bezahlbarer Wohnraum für uns ganz klar zur Fachkräftesicherung. Wenn Berlin Fachkräfte und junge Menschen gewinnen will, muss die Stadt auch dafür sorgen, dass sie hier wohnen können. Das erste kommunale Azubi-Wohnheim ist ein guter Anfang – davon brauchen wir mehr.
In Deutschland wird aktuell viel darüber diskutiert, Produktion und industrielle Wertschöpfung ins Ausland zu verlagern. Wie erlebt ihr diese Entwicklung bei Everllence?
Auch wir erleben einen enormen Druck, Produktion und Engineering ins Ausland zu verlagern. Teilweise geht es dabei lediglich um ein oder zwei Prozent Kostenersparnis.
Ich habe selbst erlebt, dass Maschinen, die früher hier gebaut wurden, heute komplett in China gefertigt werden. Everllence verfügt gerade im Bereich der Turbomaschinen über sehr viel Know-how und eine starke Marktposition. Wenn Produktion und Wissen an andere Standorte abwandern, verlieren wir deshalb nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch industrielle Kompetenz und Know-how.
Und wenn eine Produktion einmal weg ist, kommt sie nur sehr schwer zurück. Deshalb muss Politik aus unserer Sicht stärker darauf achten, dass solche Wertschöpfung und Kompetenzen hier erhalten bleiben.
Dabei geht es auch um unterschiedliche Regeln und Standards. Welche Erfahrungen macht ihr damit?
Wir haben in Europa viele Normen und Regelungen, und das aus gutem Grund. Sie tragen dazu bei, Unfälle zu verhindern, Beschäftigte und Verbraucher zu schützen und sicherzustellen, dass Produkte verlässlich und sicher sind. Ich will nicht, dass diese Regeln abgeschafft werden.
Aber wir stehen damit im Wettbewerb mit Ländern wie China. Dort bekommt man teilweise Zertifikate sehr schnell, während wir hier deutlich höhere Anforderungen erfüllen müssen. Das ist ein ungleicher Wettbewerb.
Die Politik muss deshalb Wege finden, die Auswirkungen dieser Unterschiede abzufedern. Wir können und wollen unsere Standards nicht einfach abschaffen. Aber wir müssen trotzdem dafür sorgen, dass Produktion unter diesen Bedingungen hier wettbewerbsfähig bleiben kann.
Industrie braucht auch Flächen. Wo liegen hier eure konkreten Probleme?
Industrie braucht Platz. Bei uns kommt hinzu, dass der Standort nicht dem Unternehmen gehört, sondern gemietet ist.
Wir mussten deshalb selbst sehr viel in die Infrastruktur investieren. Zum Beispiel haben wir Kräne zurückgekauft und instand gesetzt, weil wir nicht wochenlang auf Reparaturen warten können. Auch bei Umkleiden. Kantine und Sozialräumen hat unser Unternehmen viel Geld in die Hand genommen.
Das ist aus meiner Sicht ein generelles Problem: Viele Unternehmen nutzen gemieteten Industrieflächen. Wenn Vermieter nicht ausreichend investieren, müssen die Unternehmen selbst in Vorleistung gehen, damit die Produktion weiterlaufen kann.
Deshalb sollte Politik nicht nur industrielle Flächen schützen, sondern auch darauf schauen, unter welchen Bedingungen diese Flächen betrieben werden und ob die notwendige Infrastruktur vorhanden ist.
Was erwartest du vom heutigen Gespräch mit Elif Eralp?
Ich bin gespannt, welche Antworten wir bekommen. Ein Punkt, den wir immer wieder ansprechen, ist die öffentliche Beschaffung.
Berlin hat viele Industrieunternehmen und eine große Bandbreite an Leistungen. Die Politik sollte wissen, welche Unternehmen es hier gibt und was sie anbieten. Wenn die öffentliche Hand etwas einkauft, sollte sie stärker schauen, ob sie diese Leistungen auch von einem Berliner Unternehmen beziehen kann.
Natürlich kann nicht jeder Auftrag automatisch an ein Berliner Unternehmen gehen. Aber wir haben hier beispielsweise Stadler in Pankow, die Berliner U-Bahnen bauen oder uns, die industrielle Wärmepumpen herstellen. Die industriellen Kompetenzen gibt es in der Stadt. Die Politik sollte sie stärker wahrnehmen und auch nutzen.
Für uns ist deshalb entscheidend, dass heute nicht nur darüber gesprochen wird, wie wichtig Industrie für Berlin ist. Wir wollen darüber sprechen, was konkret getan werden kann, damit industrielle Arbeitsplätze, Wertschöpfung und Know-how in der Stadt bleiben.