Heute besucht Stefan Evers euren Betrieb. Was erwartest du von dem Besuch?
Für uns ist das zunächst ein Kennenlernen. Stefan Evers ist neu in dieser Rolle, deshalb wollen wir verstehen: Wo will die CDU politisch hin und was bedeutet das konkret für die Berliner Industrie und die Beschäftigten?
Wir kennen die großen Überschriften aus dem Programm. Uns interessieren aber vor allem die konkreten Antworten. Wir wollen nicht nur hören, dass Industrie wichtig ist. Wir wollen wissen: Was tut Politik tatsächlich dafür, dass industrielle Arbeitsplätze, Wertschöpfung und Know-how in Berlin bleiben und wachsen können?
Ein Betriebsbesuch bietet dafür eine gute Gelegenheit. Politik bekommt einen unmittelbaren Eindruck davon, was hier geleistet wird, welche Qualifikationen vorhanden sind und welche Bedingungen ein Industriestandort braucht. Gleichzeitig können wir unsere Erwartungen direkt formulieren.
Ein zentrales Thema ist für dich bezahlbarer Wohnraum. Warum ist das eine Frage der Industriepolitik?
Weil Fachkräftesicherung nicht funktioniert, wenn die Menschen, die wir brauchen, sich das Leben in Berlin nicht leisten können.
Das betrifft gerade junge Beschäftigte und Auszubildende. Wir hatten beispielsweise den Fall eines jungen Mannes, der bei uns einen Ausbildungsvertrag bekommen hatte. Seine Mutter musste aus ihrer Wohnung ausziehen und er hat seine Ausbildung zunächst zurückgestellt, um ihr beim Ausbau der neuen Wohnung zu helfen. Glücklicherweise konnten wir ihn halten, und er beginnt jetzt seine Ausbildung. Aber eigentlich darf so etwas nicht passieren. Ein junger Mensch sollte seine Ausbildung machen und sich beruflich entwickeln können und nicht aus Wohnungsgründen ein Jahr verlieren.
Was bedeutet das konkret für Auszubildende?
Mit einem Ausbildungsgehalt ist eine eigene Wohnung in Berlin für viele schlicht nicht bezahlbar. Aber auch im Umland sind 600 oder 650 Euro für ein Zimmer oder eine kleine Wohnung für einen Auszubildenden eine enorme Belastung.
Deshalb begrüßen wir die ersten kommunalen Azubi-Wohnheime in Berlin. Das ist ein guter Ansatz, aber die Größenordnung reicht bei weitem nicht aus. Wir brauchen deutlich mehr bezahlbaren Wohnraum für Auszubildende und junge Beschäftigte.
Neben dem Wohnen ist die Ausbildung selbst ein wichtiger Punkt. Was muss sich hier verändern?
Wir müssen viel langfristiger denken. Ein Unternehmen kann Fachkräfte nicht kurzfristig bestellen. Eine Ausbildung dauert dreieinhalb Jahre. Bis jemand wirklich ein erfahrener Facharbeiter ist, vergehen weitere Jahre.
Deshalb funktioniert es nicht, die Zahl der Ausbildungsplätze nur an der aktuellen Auslastung eines Unternehmens auszurichten. Wenn heute weniger ausgebildet wird, fehlt uns morgen der Nachwuchs.
Ausbildung ist für uns deshalb ein wesentlicher Teil der Zukunftssicherung. Dabei geht es nicht nur um fachliche Qualifikation. Junge Menschen müssen auch lernen, selbstständig zu arbeiten, Verantwortung zu übernehmen und im Team zu arbeiten.
Und auch nach der Ausbildung darf die Qualifizierung nicht aufhören. Wenn Menschen länger im Berufsleben bleiben sollen, müssen sie die Möglichkeit bekommen, sich weiterzuentwickeln und gegebenenfalls in andere Tätigkeiten zu wechseln. Auch dafür braucht es politische Unterstützung und gute Rahmenbedingungen.
Was braucht ein Industriestandort wie GE Power darüber hinaus von der Politik?
Eine funktionierende Infrastruktur. Für uns ist insbesondere die Bahn wichtig. Wir haben hier einen großen Industriestandort und müssen schwere und teilweise sehr große Komponenten transportieren.
Wenn Berlin industrielle Wertschöpfung sichern und ausbauen will, muss auch die notwendige Verkehrsinfrastruktur gesichert werden. Dazu gehören leistungsfähige Straßen und eine gute Abstimmung zwischen den Bundesländern um Schwertransporte schnell und flexibel zu sichern. Für unsere Beschäftigten, auch im Drei-Schicht-System, ist ein leistungsfähiger Nahverkehr von Nöten.
Wir können nicht gleichzeitig sagen, dass wir Industrie, Nahverkehr und eine leistungsfähige Wirtschaft wollen, und dann die dafür notwendige Infrastruktur immer weiter einschränken.
Was sollte Stefan Evers nach seinem Besuch bei euch konkret mitnehmen?
Erstens: Bezahlbares Wohnen ist Fachkräftesicherung. Wer junge Menschen für Ausbildung und Arbeit nach Berlin holen will, muss dafür sorgen, dass sie hier auch wohnen können.
Zweitens: Ausbildung und Qualifizierung brauchen einen langen Atem. Fachkräfte entstehen nicht kurzfristig. Unternehmen, Politik und Bildungseinrichtungen müssen gemeinsam dafür sorgen, dass heute die Grundlagen für die Fachkräfte von morgen geschaffen werden.
Und drittens: Industrie braucht verlässliche Infrastruktur. Dazu gehören ausreichend Flächen und funktionierende Verkehrswege, gerade auch für den Transport schwerer Güter. Weiterhin ist Industrie im Umfeld zu spüren. Es wird versucht alle Einflüsse auf das Umfeld zu verringern, aber das geht leider nicht immer und jeder möchte 24/7 Strom haben.
Wir wollen deshalb beim Besuch nicht nur darüber sprechen, wie wichtig Industrie für Berlin ist. Wir wollen wissen, wie die Politik die konkreten Bedingungen dafür schaffen will. Denn unser Punkt ist eigentlich ganz einfach: Wer Industrie und gute Arbeitsplätze in Berlin will, muss auch die Bedingungen dafür schaffen.