Fevzi, welches Thema muss nach der Abgeordnetenhauswahl am 20. September ganz oben auf die politische Agenda?
Für mich ist das ganz klar die soziale Gerechtigkeit. Ich lebe seit vielen Jahren hier. Ich erlebe deshalb unmittelbar, wie sich diese Stadt verändert hat. Besonders deutlich wird das beim Wohnen.
Die Entwicklung der Mieten ist für viele Menschen inzwischen unerträglich. Gerade für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die hier leben und arbeiten, wird bezahlbarer Wohnraum zu einer existenziellen Frage. Wenn ein immer größerer Teil des Einkommens für die Miete draufgeht, fehlt dieses Geld an anderer Stelle. Das hat Auswirkungen auf das gesamte Leben.
Deshalb ist Wohnen für mich keine isolierte Frage des Wohnungsmarktes. Es geht um soziale Gerechtigkeit, um gute Arbeit und letztlich auch darum, welche Zukunft Berlin als Stadt und als Industriestandort hat.
Warum ist bezahlbarer Wohnraum auch für die Berliner Industrie entscheidend?
Weil die Frage, ob Menschen in Berlin leben können, unmittelbar damit zusammenhängt, ob sie hier arbeiten können. Unternehmen brauchen Fachkräfte und gut ausgebildete Beschäftigte. Aber wenn sich Menschen das Leben in Berlin nicht mehr leisten können, wird es schwieriger, Fachkräfte zu gewinnen und langfristig zu halten.
Das betrifft auch die Ausbildung. Wir brauchen junge Menschen, die sich für eine Ausbildung entscheiden und nach Berlin kommen. Dafür müssen sie hier aber auch eine Perspektive haben. Ein Ausbildungsplatz allein reicht nicht, wenn die Auszubildenden keine bezahlbare Wohnung finden.
Die Landespolitik muss deshalb beides zusammendenken: gute Arbeitsplätze und die entsprechenden Lebensbedingungen. Berlin darf nicht zu einer Stadt werden, in der zwar Arbeitsplätze vorhanden sind, aber die Menschen, die dort arbeiten, sich das Leben hier nicht mehr leisten können.
Was bedeutet das konkret für Auszubildende?
Die Situation ist heute deutlich schwieriger als früher. Ich habe selbst drei Kinder und weiß, dass irgendwann der Moment kommt, an dem junge Menschen auf eigenen Beinen stehen und aus dem Elternhaus ausziehen wollen.
Als ich von 1987 bis 1990 in der Ausbildung war, konnte man sich als Auszubildender mit seiner Vergütung noch eher eine eigene Wohnung leisten. Heute ist das in Berlin für viele kaum noch möglich.
Deshalb brauchen wir mehr spezielle Wohnangebote für Auszubildende – zum Beispiel Wohnheime oder andere Modelle, bei denen junge Menschen während ihrer Ausbildung zu vernünftigen Bedingungen wohnen können. Das wäre eine konkrete Unterstützung für die Jugendlichen und gleichzeitig eine Investition in den Fachkräftenachwuchs der Berliner Unternehmen.
Ist das auch ein Thema, das ihr im Ortsvorstand diskutiert?
Auf jeden Fall. Das Thema beschäftigt den Ortsvorstand der IG Metall Berlin sehr. Es wurde dort intensiv diskutiert und findet breite Unterstützung. Auch aus der Seniorenarbeit und von der IG Metall-Jugend wurde deutlich gemacht, wie wichtig das Thema ist. Das zeigt auch: Bezahlbares Wohnen betrifft alle Generationen gleichermaßen.
Aus gewerkschaftlicher Sicht müssen wir deshalb politischen Druck machen. Wir wollen, dass Wohnen wieder als Teil der Daseinsvorsorge verstanden wird und nicht ausschließlich als Ware, mit der möglichst hohe Renditen erzielt werden.
Welche politischen Maßnahmen erwartest du dabei vom neuen Senat?
Ich erwarte, dass sie alle Möglichkeiten ernsthaft prüft und auch vor kontroversen Instrumenten nicht zurückschreckt. Dazu gehört für mich ausdrücklich auch die Vergesellschaftung großer Wohnungsbestände.
Darüber wurde in Berlin bereits in einem Volksentscheid abgestimmt. Wenn eine Mehrheit der Berlinerinnen und Berliner eine politische Forderung unterstützt, dann muss die Politik das Ergebnis ernst nehmen. Demokratie bedeutet für mich nicht nur, die Menschen zu fragen. Demokratie bedeutet auch, mit dem Ergebnis anschließend verantwortungsvoll umzugehen.
Deshalb erwarte ich vom künftigen Senat, dass sie sich mit dem Volksentscheid auseinandersetzt und nicht einfach zur Tagesordnung übergeht.
Du verbindest die Wohnungsfrage also auch mit der Demokratie?
Ja, denn politische Glaubwürdigkeit entsteht auch dadurch, dass Entscheidungen der Bürgerinnen und Bürger ernst genommen werden.
Wir haben demokratische Verfahren geschaffen, damit Menschen ihre Meinung und ihren politischen Willen ausdrücken können. Wenn sie das tun, darf man das nicht einfach ignorieren. Gerade in einer Zeit, in der viele Menschen das Gefühl haben, dass Politik ihre Lebensrealität nicht mehr erreicht, ist das entscheidend.
Die Politik muss zuhören, aber sie muss danach auch handeln. Das gilt für die Wohnungsfrage genauso wie für andere Themen, die die Beschäftigten unmittelbar betreffen. Deshalb ist soziale Politik für mich auch Demokratieförderung. Wenn wir wollen, dass Menschen Vertrauen in demokratische Institutionen haben und sich beteiligen, müssen wir dafür sorgen, dass ihre konkreten Lebensbedingungen stimmen.
Was sind aus deiner Sicht die wichtigsten Voraussetzungen dafür, dass Menschen in Berlin gut leben können?
Für mich gehören drei Dinge zusammen: gute Arbeit, vernünftige Lebensbedingungen und eine funktionierende Demokratie.
Als Gewerkschafter beschäftigen wir uns natürlich mit den Arbeitsbedingungen. Wir kämpfen für gute Löhne, sichere Arbeitsplätze und Mitbestimmung. Aber das Leben endet nicht am Werkstor. Wenn ein Beschäftigter nach der Arbeit nach Hause kommt und sich seine Wohnung nicht mehr leisten kann, dann können wir die Lebensrealität der Menschen nicht ausblenden.
Deshalb müssen Arbeits- und Lebensbedingungen zusammen gedacht werden. Wer gute Arbeit will, muss auch dafür sorgen, dass die Menschen in dieser Stadt leben können.
Was erwartest du von der künftigen Regierenden Bürgermeisterin oder dem künftigen Regierenden Bürgermeister?
Dass sie oder er die Interessen der Beschäftigten ernst nimmt und mit uns ins Gespräch kommt.
Als IG Metall wollen wir den Dialog mit dem neuen Senat suchen. Wir werden unsere Forderungen weiterhin auf den Tisch legen und deutlich machen, was aus Sicht der Beschäftigten notwendig ist. Dazu gehören bezahlbares Wohnen, gute Ausbildungsbedingungen, sichere und gute Arbeitsplätze und eine starke industrielle Perspektive für Berlin.
Was möchtest du deinen Kolleginnen und Kollegen mit Blick auf die Wahl mitgeben?
Geht am 20. September wählen und beteiligt euch. Informiert euch über die Positionen der Parteien und macht euch ein eigenes Bild.
Unzufriedenheit allein verändert nichts. Wer zu Hause sitzt und sich ärgert, überlässt anderen die Entscheidung. Und aus Frust irgendeine Partei zu wählen, ohne sich mit deren tatsächlichen Positionen auseinanderzusetzen, ist ebenfalls keine gute Lösung.
Deshalb: Geht wählen, seid laut und bringt euch ein. Demokratie lebt davon, dass Menschen ihre Stimme nutzen – im Betrieb genauso wie an der Wahlurne.