Wenige Wochen vor der Abgeordnetenhauswahl lädt die IG Metall Berlin die Spitzenkandidierenden zu Betriebsbesuchen in Berliner Industriebetriebe ein. Heute besucht Steffen Krach, Spitzenkandidat der SPD, den SKF-Standort in Berlin.
SKF Lubrication Systems ist ein hochspezialisierter Industriestandort mit derzeit rund 316 Beschäftigten. Gleichzeitig befindet sich der Betrieb in einem tiefgreifenden Transformationsprozess. Im Vorfeld des Besuchs haben wir mit Nicole Hoffmann, Betriebsratsvorsitzende bei SKF Lubrication Systems, darüber gesprochen, welche Herausforderungen den Standort beschäftigen und was sie von der Berliner Politik erwartet.
Nicole, heute kommt Steffen Krach zu euch in den Betrieb. Worüber wollt ihr mit ihm sprechen?
Für uns geht es vor allem darum, zu zeigen, dass es neben den ganz großen Industriebetrieben auch viele kleinere und hochspezialisierte Standorte in Berlin gibt.
Außerdem befinden wir uns mitten in einem Transformationsprozess. In der Produktion wird viel automatisiert, Flächen werden frei und die Beschäftigtenzahl geht zurück. Deshalb ist es wichtig, dass die Politik einmal vor Ort sieht, was das konkret bedeutet. Und natürlich wollen wir darüber sprechen, welche Perspektive die Industrie in Berlin insgesamt hat.
Ein Thema, das euch konkret beschäftigt, ist die Ausbildung. Wie hat sich die Situation entwickelt?
Wir haben zunehmend Schwierigkeiten, unsere Ausbildungsplätze vollständig zu besetzen. Wir bieten normalerweise bis zu fünf Plätze an. Im vergangenen Jahr konnten wir vier besetzen, in diesem Jahr sind es bisher drei.
Deshalb überlegen wir, wie wir stärker auf uns aufmerksam machen und junge Menschen für unsere Ausbildungsberufe interessieren können. Wir waren zum Beispiel beim Industriestraßenfest mit einem Stand vertreten und versuchen, über Schulen stärker präsent zu sein. Aber bisher reicht das noch nicht aus. Gleichzeitig brauchen wir Nachwuchs dringend, um unsere Fachkräfte langfristig zu sichern.
Warum ist das mit Blick auf die Zukunft des Standorts so wichtig?
Bei uns werden in den kommenden Jahren viele Beschäftigte altersbedingt ausscheiden. Als Betriebsrat haben wir immer darauf gesetzt, über die Ausbildung unseren eigenen Nachwuchs aufzubauen. In den vergangenen Jahren wurden Auszubildende, wenn sie wollten und geeignet waren, anschließend auch unbefristet übernommen.
Wenn wir jetzt nicht genügend junge Menschen gewinnen, bekommen wir irgendwann ein Problem. Denn auch durch die Automatisierung werden weiterhin Menschen gebraucht, davon bin ich überzeugt.
Wie sieht die Transformation bei euch konkret aus?
Bei uns geht es vor allem um Automatisierung und neue Produktionsabläufe. Früher waren Maschinen und Montage stärker voneinander getrennt. Jetzt werden die Abläufe in sogenannten „Cap Groups“ stärker zusammengeführt. Dort werden die Teile gefertigt, geprüft, bearbeitet und anschließend direkt montiert. Das verändert natürlich die Arbeit und die Anforderungen an die Beschäftigten.
Wie hat sich die Beschäftigtenzahl verändert?
Aktuell sind wir bei ungefähr 316 Beschäftigten. Zu den besten Zeiten waren es am Standort ungefähr 750. Durch die aktuellen Transformationsprozesse und den sozialverträglichen Stellenabbau wird die Zahl weiter sinken. Wenn sich die Entwicklung so fortsetzt, könnten wir in fünf Jahren vielleicht noch 240 oder 250 Beschäftigte haben.
Was bedeutet das für die Zukunft des Standorts?
Für uns ist entscheidend, dass die industrielle Kompetenz in Berlin erhalten bleibt. Wir sind zwar ein kleiner Standort, stehen aber für einen hochspezialisierten Bereich.
Gleichzeitig stehen wir im internationalen Konzernwettbewerb mit anderen Standorten. Deshalb brauchen wir Rahmenbedingungen, unter denen industrielle Produktion in Berlin langfristig wettbewerbsfähig bleibt.
Was muss die Politik dafür tun?
Ein großes Thema sind die Energiekosten. Die Belastung ist für viele Industriebetriebe erheblich. Da muss die Politik schauen, wie sie die Unternehmen unterstützt und Produktion hier wettbewerbsfähig hält.
Grundsätzlich stellt sich aber die Frage: Was will Berlin mit seiner Industrie? Berlin hat immer wieder betont, dass es auch Industriestandort sein will. Dann muss die Stadt aber auch dafür sorgen, dass die Industrie, die heute hier ist und bleiben möchte, sich weiterentwickeln kann.
Warum ist es euch wichtig, dass Politikerinnen und Politiker tatsächlich in die Betriebe kommen?
Ich glaube, viele wissen gar nicht, wie viele Unternehmen und Industriebetriebe es in Berlin gibt. Wir sind eben nicht Siemens oder Mercedes, die jeder kennt.
Deshalb ist es wichtig, wenn Politikerinnen und Politiker vor Ort sehen, was hier passiert. Gerade in einem Transformationsprozess wird sehr konkret sichtbar, was sich in einem Betrieb verändert.
Wenn die Politik sagt, dass sie sich um die Industrie kümmern will, dann sollte sie auch wissen, welche Betriebe es gibt und vor welchen Herausforderungen sie stehen.
Was wünschst du dir über den heutigen Besuch hinaus?
Natürlich wäre es wünschenswert, wenn der Austausch nicht mit dem Wahlkampf endet. Es bringt wenig, wenn Politikerinnen und Politiker einmal einen Betrieb besuchen und danach das Thema wieder verschwindet.
Wir wünschen uns einen kontinuierlichen Austausch und echtes Interesse daran, wie sich die Industrie in Berlin entwickelt. Entscheidend ist, dass daraus auch konkrete Politik entsteht.