Die Digitalwirtschaft wächst – selbst in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Mit rund 135.000 Beschäftigten gehört sie in Berlin inzwischen zu den wichtigsten Branchen. Vor diesem Hintergrund hat die IG Metall Berlin am 30. Juni den Branchenreport „Digitalwirtschaft in Deutschland. Branchenüberblick, Tech Work und Gewerkschaftsarbeit“ veröffentlicht. Die Studie beleuchtet die Branche aus unterschiedlichen Perspektiven, hinterfragt gängige Annahmen und zeigt die zentralen Spannungsfelder ihrer Entwicklung auf.
Mit einem besonderen Fokus auf Berlin identifiziert der Report zugleich Potenziale für eine stärkere gewerkschaftliche Organisierung. Denn auch in der Digitalwirtschaft bestehen Konflikte um Arbeitsbedingungen, Arbeitszeiten und Mitbestimmung. Umso wichtiger sind starke Interessenvertretungen und verlässliche tarifliche Standards, die gute Arbeit sichern und die Zukunft der Branche mitgestalten.
Über die zentralen Ergebnisse des Reports und die Frage, was die Digitalwirtschaft jetzt braucht, sprechen wir mit dem Soziologen und Studienautor Christian Meyer.
Herr Meyer, warum ist die Digitalwirtschaft heute so wichtig für Berlin und Deutschland?
„Die Digitalwirtschaft hat sich in den vergangenen Jahren zu einem zentralen Bestandteil der deutschen Wirtschaft entwickelt. Beschäftigung, Umsatz und Wertschöpfung wachsen kontinuierlich. Das zeigt: Wir haben es nicht mit einem kurzfristigen Trend zu tun, sondern mit einem dauerhaft wichtigen Wirtschaftsbereich.
Hinzu kommt, dass digitale Technologien inzwischen fast alle Branchen beeinflussen. Die Grenzen zwischen Digitalwirtschaft, Industrie und Dienstleistungen werden zunehmend durchlässig. Entwicklungen in der Digitalwirtschaft wirken deshalb weit über die Branche selbst hinaus.“
Was genau versteht man eigentlich unter Digitalwirtschaft?
„Eine trennscharfe Definition gibt es nicht. Im Kern geht es um Unternehmen, deren Geschäftsmodell auf Software, Daten oder digitalen Infrastrukturen basiert. Dazu gehören Softwareunternehmen, IT-Dienstleister, Anbieter digitaler Infrastruktur oder Plattformunternehmen.
Gleichzeitig arbeiten heute in fast allen größeren Unternehmen IT-Fachkräfte. Deshalb verschwimmen die Grenzen zunehmend. Entscheidend ist oft die Frage, ob digitale Technologien das Kerngeschäft eines Unternehmens bilden.“
Berlin zählt inzwischen rund 135.000 Beschäftigte in der Digitalwirtschaft. Warum ist die Hauptstadt für die Branche besonders attraktiv?
„Die Digitalwirtschaft konzentriert sich generell stark auf große Städte, und Berlin nimmt dabei eine Sonderstellung ein. Die Stadt verfügt über eine hohe Dichte an Hochschulen, Forschungseinrichtungen und qualifizierten Fachkräften. Gleichzeitig gibt es ein starkes Netzwerk aus Investoren, Förderinstitutionen, Start-ups und Branchenverbänden.
Aber auch die sogenannten weichen Standortfaktoren spielen eine wichtige Rolle: Berlin ist international bekannt für seine kulturelle Vielfalt, seine Offenheit und seine Attraktivität für junge, hochqualifizierte Fachkräfte aus aller Welt. Diese Standortvorteile sind allerdings nicht selbstverständlich. Themen wie steigende Mieten oder Kürzungen im Kulturbereich können die Attraktivität Berlins langfristig beeinträchtigen.“
Viele verbinden die Digitalwirtschaft mit hohen Gehältern, Flexibilität und New Work. Bedeutet das automatisch auch gute Arbeitsbedingungen?
„Nein. Gute Bezahlung allein garantiert noch keine gute Arbeit. Gerade unter dem Schlagwort „New Work“ werden häufig neue Managementkonzepte eingeführt, die Beschäftigten mehr Verantwortung übertragen. Das klingt zunächst positiv.
In der Praxis erleben viele Beschäftigte aber, dass sie zwar für Projekterfolge verantwortlich gemacht werden, über wichtige Rahmenbedingungen jedoch nicht entscheiden können. Wenn Zeitpläne unrealistisch sind oder Ressourcen fehlen, endet die versprochene Selbstbestimmung schnell. Die Folge können steigender Druck und zusätzliche Belastungen sein. Die Arbeitsbedingungen sind deshalb nicht automatisch besser als in anderen Branchen.“
Wie hat sich die Lage zuletzt entwickelt? Treffen Krisen und Konflikte die Digitalwirtschaft genauso stark wie die klassische Industrie?
„Die Digitalwirtschaft ist von den wirtschaftlichen Unsicherheiten der vergangenen Jahre ebenfalls betroffen. Es gibt auch hier Entlassungen und Sparprogramme. Allerdings unterscheidet sich die Situation deutlich von vielen klassischen Industriebranchen.
Der große Fachkräftemangel hat sich etwas abgeschwächt, und der Arbeitsmarkt ist nicht mehr ganz so dynamisch wie noch vor wenigen Jahren. Trotzdem bleibt die Branche insgesamt vergleichsweise stabil. Von einem flächendeckenden Stellenabbau kann keine Rede sein.“
Welche Rolle spielen Betriebsräte und Gewerkschaften bislang in der Branche?
„Betriebliche Mitbestimmung gewinnt an Bedeutung. In den vergangenen Jahren gab es in Berlin zahlreiche Betriebsratsgründungen in Unternehmen der Digitalwirtschaft. Viele davon wurden gewerkschaftlich unterstützt.
Gleichzeitig gibt es besondere Herausforderungen. Die Belegschaften sind oft international zusammengesetzt und bringen sehr unterschiedliche Erfahrungen mit Gewerkschaften mit. Zudem verstehen sich manche Beschäftigte eher als individuelle Spezialistinnen und Spezialisten denn als Teil einer gemeinsamen Interessenlage. Das macht Organisierung anspruchsvoller, aber keineswegs weniger wichtig.“
Brauchen Gewerkschaften dafür neue Wege?
„Teilweise schon. Wenn viele Beschäftigte dauerhaft im Homeoffice oder remote arbeiten, lassen sich klassische Zugänge nicht einfach übertragen. Deshalb werden digitale Formen der Ansprache und Organisierung immer wichtiger.
Entscheidend bleibt aber, Beschäftigte miteinander ins Gespräch zu bringen. Viele Probleme werden erst sichtbar, wenn Kolleginnen und Kollegen ihre Erfahrungen austauschen – etwa bei Arbeitszeiten, Entgelt oder der Ausgestaltung mobiler Arbeit. Organisierung beginnt oft genau dort.“
Welche Themen bewegen die Beschäftigten in der Digitalwirtschaft besonders?
„Klassische Fragen wie Arbeitszeit, Arbeitsbelastung oder Entgelt spielen weiterhin eine große Rolle. Hinzu kommen Themen wie Entgelttransparenz, Gleichstellung oder die Ausgestaltung mobiler Arbeit.
Gerade bei internationalen Belegschaften ist oft unklar, ob vergleichbare Tätigkeiten tatsächlich vergleichbar bezahlt werden. Ohne Transparenz bleiben solche Unterschiede häufig unsichtbar. Der Austausch unter Beschäftigten ist deshalb ein wichtiger Ausgangspunkt für Verbesserungen.“
Wenn wir nach vorne schauen: Welche Rolle wird die Digitalwirtschaft in Zukunft spielen?
„Ihre Bedeutung wird weiter zunehmen. Schon heute gehört die Digitalwirtschaft zu den wichtigsten Wachstumsbereichen der Berliner Wirtschaft. Gleichzeitig prägen die dort entwickelten Technologien zunehmend den Arbeitsalltag und das Leben vieler Menschen.
Deshalb geht es nicht nur um die wirtschaftliche Entwicklung der Branche selbst. Es geht auch darum, wie digitale Technologien gestaltet werden, welche Interessen dabei berücksichtigt werden und welchen Einfluss Beschäftigte auf diese Entwicklungen haben. Die Bedeutung dieser Fragen wird in Zukunft eher wachsen als kleiner werden.“