Die Digitalwirtschaft ist längst zu einem zentralen Bestandteil industrieller Wertschöpfung geworden. Mit ihr wachsen jedoch auch die Herausforderungen für die Beschäftigten: Restrukturierungen, Unsicherheit und der Wunsch nach guter Arbeit prägen zunehmend den Arbeitsalltag. Zu diesem Ergebnis kommt auch der Branchenreport „Digitalwirtschaft in Deutschland. Branchenüberblick, Tech Work und Gewerkschaftsarbeit“ der IG Metall Berlin, der am 30. Juni veröffentlicht wurde. Wie aktuell diese Befunde sind, zeigt auch das Beispiel von MBition.
Nach der Betriebsratswahl im Frühjahr 2026 hat ein neues Gremium die Arbeit im Betriebsrat übernommen. Die Kolleginnen und Kollegen entwickeln Automotive-Software und digitale Technologien – von Betriebssystemen über Infotainment-Plattformen bis hin zu weiterer Software für Mercedes-Benz Fahrzeuge. MBition ist der einzige Standort im Mercedes-Benz-Konzern ohne Tarifbindung. Die neu gewählten Betriebsratsmitglieder sind unter der Liste „We are MBition x IG Metall“ angetreten. Ihr gemeinsames Ziel: den Beschäftigten eine stärkere Stimme geben und bessere Arbeitsbedingungen durchsetzen.
Wir haben mit der Betriebsratsvorsitzenden Victoria Fischer gesprochen.
Was hat dich motiviert, für den Betriebsrat zu kandidieren? Und warum war dir die enge Verbindung zur IG Metall auch im Namen eurer Liste wichtig?
Victoria Fischer: Für mich geht es vor allem darum, selbst etwas bewirken zu können. Ich möchte nicht nur zuschauen, hoffen und abwarten. Gleichzeitig zeigt der Name unserer Liste, dass wir mit der IG Metall einen starken Partner an unserer Seite haben. Wir wollen unsere gewerkschaftliche Haltung nicht verstecken, sondern selbstbewusst vertreten. Da steckt noch unglaublich viel Potenzial drin. Denn: Keiner von uns ist so stark wie wir alle zusammen.
Welche Themen standen für „We are MBition x IG Metall“ im Mittelpunkt?
Victoria Fischer: An erster Stelle standen die Krise der Automobilindustrie und die Frage der Beschäftigungssicherung – gerade für ein Softwareunternehmen wie unseres. Wir befinden uns in einer besonderen Situation: Einerseits entwickeln wir Zukunftstechnologien, andererseits könnten wir jederzeit ausgegliedert werden, wenn Mercedes uns nicht mehr für wirtschaftlich hält. Deshalb beschäftigt uns sehr, wie wir dazu beitragen können, den Industriestandort Deutschland zukunftsfähig weiterzuentwickeln.
Welche konkreten Vorhaben willst du in deiner Amtszeit umsetzen?
Victoria Fischer: Ein wichtiges Thema wird sicherlich eine Betriebsvereinbarung zur Arbeitszeit sein. Wir arbeiten derzeit 40 Stunden pro Woche und damit mehr als viele andere Kolleginnen und Kollegen bei Mercedes-Benz. Außerdem möchten wir eine gute und faire Regelung für mobiles Arbeiten finden. Ebenso brauchen wir transparente Kriterien für Karriereentwicklung und Beförderungen. Momentan gibt es dafür keine klaren Strukturen, was häufig zu Unsicherheiten führt. Ein weiteres Anliegen ist ein verbindlicher Verhaltenskodex für Führungskräfte. Immer wieder erleben wir Fälle unfairer Behandlung. Viele Beschäftigte sehen ihre Vorgesetzten kaum persönlich – und gerade deshalb entstehen oft Missverständnisse und Konflikte, die schließlich beim Betriebsrat landen.
MBition arbeitet als IT-Unternehmen nach dem Prinzip „Remote First“. Welche Standards möchtet ihr dafür etablieren? Und wie wirkt sich mobiles Arbeiten auf deine Betriebsratsarbeit aus?
Victoria Fischer: MBition ist ein Remote-First-Unternehmen und wir haben trotzdem bewiesen, dass wir erfolgreich gute Produkte entwickeln können. Deshalb sollte das grundsätzlich erhalten bleiben. Nicht alle möchten täglich ins Büro kommen – manche haben lange Pendelwege, andere benötigen für ihre Arbeit Ruhe und Konzentration. Viele arbeiten zu Hause produktiver. Außerdem glauben wir, dass klassische 9-bis-5-Arbeitszeiten nicht für alle Beschäftigten passend sind, insbesondere wenn ein Bürotag mit großem Aufwand verbunden ist.
Welche Ziele würdest du in einem Tarifvertrag festschreiben wollen?
Victoria Fischer: An erster Stelle steht eine verbindliche Beschäftigungssicherung. Außerdem wünschen wir uns – wie die übrigen Kolleginnen und Kollegen bei Mercedes-Benz – die 35-Stunden-Woche. Ebenso sollte eine faire Regelung zum mobilen Arbeiten Bestandteil eines Tarifvertrags sein.
Worauf freust du dich in den kommenden Monaten besonders? Gibt es auch gemeinsame Aktionen für die Belegschaft?
Victoria Fischer: Der Tag der Arbeit war in diesem Jahr ein echtes Highlight. Wir hatten dreimal so viele Teilnehmende wie im Vorjahr. Für einige war es der erste 1. Mai in Berlin. Wir sind gemeinsam mit unserem Banner demonstriert und haben anschließend am Stand der IG Metall als DJs aufgelegt – damit waren wir am Alexanderplatz definitiv der coolste Stand.
Außerdem veranstalten wir jeden Monat einen Stammtisch. Dort können alle Beschäftigten nach Feierabend vorbeikommen, sich austauschen, den Arbeitstag hinter sich lassen oder einfach mal Dampf ablassen. Und demnächst organisieren wir noch einen Fahrrad-Reparaturworkshop – auch dafür sind natürlich alle herzlich eingeladen.