Betriebsratswahlen Interview mit Konstantin Levit, Betriebsratsvorsitzender bei Biotronik

Bei der Betriebsratswahl konnte die IG Metall-Liste bei Biotronik erneut deutlich gewinnen. Betriebsratsvorsitzender Konstantin Levit spricht im Interview über den Wahlerfolg, neue Herausforderungen im Gremium, Tarifpolitik – und warum Solidarität für ihn weit über den Betrieb hinausgeht.

Konstantin Levit Biotronik Betriebsrat


Die IG Metall-Liste hat die Betriebsratswahl erneut klar gewonnen. Was bedeutet das Ergebnis für euch?

Wir haben erneut 16 von 19 Sitzen gewonnen. Darüber freuen wir uns sehr, denn es zeigt, dass die Beschäftigten weiter großes Vertrauen in uns haben. Gleichzeitig hat sich die Lage verändert: Die CGM, die lange in unserem Betrieb vertreten war, spielt heute praktisch keine Rolle mehr. Der Psychologe Kurt Lewin hat einmal beschrieben, dass Gruppen sich oft über Abgrenzung nach außen definieren. Jetzt, wo dieser frühere Gegensatz weitgehend verschwunden ist, müssen wir neu herausfinden, was uns als gemeinsames „Wir“ ausmacht. Genau in diesem Prozess befinden wir uns gerade.

Wie ist es gelungen, das Vertrauen der Beschäftigten zu gewinnen und zu halten?

Entscheidend war dabei immer unsere Haltung: Wir verstehen uns als Betriebsrat für alle Kolleginnen und Kollegen. Unsere Liste hieß deshalb bewusst „IG Metall and Friends“. Der Name zeigt einerseits die klare Verankerung in der IG Metall, steht aber gleichzeitig für Offenheit. Unser wichtigstes Prinzip ist, niemanden auszuschließen.

Du bist seit 2014 Betriebsrat, seit 2021 Betriebsratsvorsitzender und bist nun erneut zum Vorsitzenden gewählt worden. Was motiviert dich nach all den Jahren weiterhin für dieses Amt?

Die Arbeit ist unglaublich vielseitig. Man führt Verhandlungen, spricht mit Beschäftigten, organisiert Betriebsversammlungen und begleitet Menschen in schwierigen Situationen. Das wird nie langweilig. Außerdem lernt man viel über sich selbst und entwickelt sich ständig weiter.

Viele Kolleginnen und Kollegen erleben dich nicht nur als Betriebsratsvorsitzenden, sondern auch als jemanden mit starkem gesellschaftlichem Engagement – etwa für die Ukraine. Warum ist dir das wichtig?

Meine Frau und ich engagieren uns gemeinsam, sie ist dabei eigentlich die treibende Kraft. Als im Februar 2022 der Angriffskrieg gegen die Ukraine begann, wurden wir nachts von meiner Mutter geweckt mit der Nachricht: „Der Krieg hat begonnen, die Bomben fallen auf Kyjiw.“

Daraufhin haben wir spontan eine Spendenaktion gestartet. Damit konnten wir Fahrzeuge und später einen Bus finanzieren, um Hilfsgüter direkt in die Ukraine zu bringen. Heute setzen wir die Hilfe in anderer Form fort, zum Beispiel mit der Ukraine-Hilfe Berlin e.V.: Weihnachtsaktionen für Kinder, Notfallrucksäcke oder Sachspenden. Besonders wichtig ist uns das Projekt „Patenschaft“. Dabei unterstützt eine deutsche Familie eine Familie in der Ukraine, z.B. eine Familie mit mehreren Kindern, wo der Vater im Krieg fiel oder verwundet wurde. Wir suchen über unsere Netzwerke in der Ukraine solche Familien, stellen Verbindungen her, so dass beide Familien in direkten Kontakt treten können.

Unsere Initiative heißt „Твори добро“ – „Erschaffe das Gute“. Der Name ist auf Russisch und Ukrainisch identisch geschrieben. Auch hier ist uns wichtig, niemanden auszuschließen. Manche reagieren darauf kritisch, weil Russisch als Sprache des Angreifers gesehen wird, aber eben auch Muttersprache vieler Menschen in der Ukraine ist.

Biotronik produziert Herzschrittmacher unter Reinraumbedingungen. Wie schafft ihr es als Betriebsrat, mit den Beschäftigten dort eng im Austausch zu bleiben?

Wir haben gemerkt, dass viele Kolleginnen und Kollegen aus der Produktion nicht zu unseren Sprechstunden kommen konnten. Also haben wir gesagt: Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, dann kommt der Prophet eben zum Berg. Deshalb machen wir heute regelmäßig Rundgänge direkt in der Fertigung. Wir ziehen selbst Reinraumkleidung an und sprechen vor Ort mit den Beschäftigten. Das kommt sehr gut an.

Die Tarifrunde steht bevor und du bist Mitglied der Tarifkommission. Welche Themen bewegen die Kolleginnen und Kollegen aktuell besonders?

Viele Kolleginnen und Kollegen erwarten in der kommenden Tarifrunde einen Abschluss oberhalb der Inflationsrate. Alles andere wäre eine Gehaltskürzung – das muss man klar benennen. Außerdem wünsche ich mir kürzere Laufzeiten. Tarifverträge über 24 Monate sind aus meiner Sicht zu lang. Lieber häufiger neu verhandeln und dabei die aktuelle wirtschaftliche Lage berücksichtigen.

Bei Biotronik gibt es einen Zukunftstarifvertrag. Im kommenden Jahr steht die Angleichung an den Flächentarif an. Wie ist der aktuelle Stand?

Die Rückkehr in den Flächentarif ist bis Juni 2027 geplant. Aber wir wollen prüfen, ob eine vollständige Angleichung vielleicht früher möglich ist. Entscheidend ist dabei die Stärke der IG Metall im Betrieb. Solche grundlegenden Veränderungen lassen sich nur mit einer breiten Mitgliedschaft durchsetzen. Gerade wenn es hart auf hart kommt ist das wichtig: Nur Mitglieder erhalten Streikgeld und könnten längere Arbeitskämpfe überhaupt abgesichert mittragen.

Was würdest du Kolleginnen und Kollegen sagen, die noch überlegen, Mitglied der IG Metall zu werden?

Wenn wir beim Zukunftstarifvertrag wirklich etwas bewegen wollen, dann liegt das in den Händen jedes Einzelnen. Dieser Tarifvertrag wird nicht irgendwo in Bayern oder Baden-Württemberg gemacht. Er wird direkt hier bei Biotronik verhandelt. Das müssen wir selbst durchsetzen. Und dafür braucht des eine starke IG Metall im Betrieb.