Widerstand der IAV Beschäftigten Belegschaft von VW-Tochter IAV wehrt sich geschlossen gegen Abbau

Selten war der Zusammenhalt so sichtbar: Bei der Betriebsversammlung der IAV in Berlin waren nahezu alle Beschäftigten anwesend – unterstützt durch Live-Zuschaltungen aus den weiteren IAV-Standorten. Geschlossen stellten sich die Belegschaften bundesweit gegen die Pläne des Managements.

IAV Demonstration Berlin Giffey Landespolitik


Wer Betriebsversammlungen kennt, weiß, dass in der Regel nie die komplette Mannschaft vor Ort ist oder sein kann. Dieses Mal war es anders - alle waren da. Der Loewe-Saal in der Moabiter Wiebestraße – alte Berliner Industriearchitektur - war voll. Als die Betriebsratsvoritzende, Tanja Schneider, die etwa 6-Stündige Betriebsversammlung eröffnete, konnte man von vorn kaum die letzte Reihe sehen. Monitore und Live-Übertragungen zu den parallellaufenden Betriebsversammlungen der anderen Unternehmensstandorte in Gifhorn, Stolberg, Bayern und Baden-Württemberg erzeugten ein zusätzliches Wir-halten-zusammen-Gefühl. Das war beeindruckend. Mit blauen Handschuhen und IAV-Sticker zeigten die Beschäftigten, was sie von den Absichten ihrer Unternehmensführung halten. Tanja Schneider brachte es auf den Punkt: „Wir bleiben auch im Transformationsprozess 5 Standorte und halten trotz starker Spaltungsversuche zusammen“. Das Unternehmen hatte nämlich vor kurzem verlauten lassen, vom Berliner Betrieb mit 1200 Beschäftigten so gut wie nichts übrig lassen zu wollen.

Das IAV-Management versucht seit Monaten mit Verzögerungstaktiken bei den Verhandlungen mit dem GBR und der IG Metall die Belegschaften mürbe zu machen, auszuspielen und zu spalten. Einzelnen Standorten wird scheinbare Sicherheit vorgespielt, die Berliner sollen weichen. So macht man das heutzutage und hofft offensichtlich auf einen Bruch im Zusammenhalt der Belegschaften bundesweit. „Aber das ist in Zeiten des digitalen Arbeitens und der enormen flächendeckenden Vernetzungen in den einzelnen Abteilungen und Teams nicht mehr so leicht möglich“ sagt Andreas Buchwald, Berliner Gewerkschaftssekretär mit langer IAV-Erfahrung. Ganze Geschäftsprozesse würden großen Schaden nehmen, wenn die zeit-räumlich zusammenarbeitenden Belegschaften ohne Sinn und Verstand auseinandergesprengt würde.

Niemand stellt in Frage, dass bei IAV nicht alle dabeibleiben können, so bitter dies auch ist. Allerdings muss die VW/IAV-Führung beantworten, welche Leute in welchen Bereichen und mit welchen Qualifikationen weiterhin gebraucht werden, um lebensfähig zu bleiben und vor allem mit wem neue Geschäftsfelder erschlossen werden sollen. Dies und viele Fragen mehr zu mitbestimmungspflichtigen Vereinbarungen und zu einem Zukunftstarifvertrag sind weiterhin offen.

Diplomatisch ausgedrückt: Beim Hausaufgaben machen schwänzt das Management auf weiten Strecken. Das möchten sich die Belegschaften nicht gefallen lassen. Nun geht es sogar um grundsätzlichen Respekt und die Würde derjenigen die Jahrelang den Laden am Laufen gehalten haben.

Regelmäßig finden dienstags große Protestdemonstrationen vor dem Unternehmen statt. Die Straßen sind gesperrt, die Beschäftigten sind laut – und sie werden immer selbstbewusster, weil sie wissen, nichts Unmögliches zu fordern. Auch die Berliner Politik mischt sich ein und zeigt vor Ort Präsenz. So waren bislang schon die Spitzenkandidaten der Berliner Parteien für die diesjährige Abgeordnetenhauswahl da, der Regierende Bürgermeister, die Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey mehrfach und die Arbeitssenatorin Cancel Kiziltepe, um nur einige zu nennen.

„Das ist auch sehr wichtig, wenn die Vertreter der Berliner Landesregierung und der Parteien vor Ort sind um die Lage zu bewerten“, sagt Jan Franke, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender. Die Medien berichten zuverlässig. Und es geht ja auch um viel für die Berliner Kommune. 1200 Beschäftigte und ihre Familien selbst und ihre Arbeitsplätze sind das eine. Eine Zahl die für Berliner Verhältnisse ungefähr so ist, als ob in einer Kernregion der deutschen Automobilindustrie auf einen Schlag 10.000 Arbeitsplätze verschwinden würden. „Das sind die Relationen, von denen wir für Berlin sprechen“, so Gewerkschaftssekretär Andreas Buchwald weiter. Abbau bedeutet zum anderen auch immer, dass es der Stadt dann selbst schlechter geht. Da wo gut und angemessen verdient wird, ist auch die Nachfrage von Dienstleistungen stabil. Davon leben wieder eine ganze Menge Leute. Hier wackelt mal wieder ein Baustein, der die Stadtgesellschaft zusammenhält. Und das wissen eben auch die Verantwortlichen in Regierung und Politik.

Was vielen ebenso Mut macht, sind die Besuche von Betriebsräten und Vertrauensleuten aus anderen Berliner Betrieben bei den Protestkundgebungen. Mit dabei waren bislang Siemens Energy, Cariad, Mercedes Benz, Stadler und andere mehr. Das macht Mut, hört man am Rande der Proteste, die so lange weitergehen werden, bis einvernehmliche Lösungen mit den Betriebsräten und der IG Metall für eine gute Zukunft aller fünf IAV-Standorte gefunden werden.